von EyesOfMelody
PROTEST THE HERO ist eine kanadische Mathcore-Band, die 1999 von den damals noch sehr jungen Schülern Rody Walker (Gesang), Tim Millar (Gitarre), Luke Hoskin (Gitarre), Morgan Carlson (Drums) und Arif Mirabdolbaghi (Gesang/Bass) gegründet wurde. Ich wurde durch einen MySpace-Banner auf diese Band aufmerksam, der zu dem Video ihres Songs Bloodmeat von ihrem neuesten Album Fortress verlinkte. Da ich zufällig auf der Suche nach ein paar progressiven Hardcorebands war, haben es mir die komplexe Struktur und die sowohl technisch als auch musikalisch hoch anspruchsvolle und energiegeladene Musik sofort angetan. Ich begann mich über die Band zu informieren und wurde noch mehr begeistert: Die Band hat ein Konzeptalbum mit dem Namen Kezia.
Konzeptalbum bedeutet, dass das Album nicht einfach viele Songs zu einem oder mehreren Themen auf einer CD bündelt, sondern eine zusammenhängende Handlung hat. Ohne zu zögern kaufte ich mir das Album bei musicload.de, wo es glücklicherweise angeboten wurde. Hier eine grobe Übersicht über die Handlung: Auf dem Album geht es um die Hinrichtung einer jungen Frau mit dem Namen Kezia. Kezia ist ein weiblicher Vorname aus dem hebräischen, der so viel wie “lieblicher Duft” oder “Zimtblüte” bedeutet. Die Gründe für ihre Hinrichtung erschließen sich im Text, sie sind jedoch vielseitig interpretierbar. Das Album besteht aus zehn Songs: Nummer 1-3 erzählen die Geschichte des Geistlichen, der die Hinrichtung begleitet. Nummer 4-6 beschreiben die Sicht und Haltung eines der exekutierenden Soldaten und Nummer 7-9 letztendlich die ganze Story noch einmal aus Kezias Sicht. Im letzten Song wird durch die Geschichte noch einmal Kritik an der Realität ausgeübt, also die Geschichte wird auf die Realität übertragen und vom Sänger kommentiert. So bleiben Protest the Hero der politischen Attitüde des Hardcores treu.
Selbst wenn man nicht weiß, dass es sich hierbei um ein Konzeptalbum handelt, wird man das nach dem ersten Durchhören der CD bemerken. Anders als bei den meisten üblichen Liedern gibt es in den Liedern auf Kezia weder Strophen noch Refrains zu hören, sondern eine durchgängig erzählte Geschichte. Hier wiederholt sich nicht viel, es wird also kaum langweilig werden. Die Lieder sind in sich selbst sehr abwechslungsreich, technisch wie musikalisch sehr anspruchsvoll und doch nicht anstrengend zu hören und vermitteln perfekt die Stimmung passend zu jedem einzelnen Vers. Die Texte selbst lesen sind sehr poetisch und lesen sich wie ein Gedicht, was womöglich an den vielen passenden Metaphern liegt. Jedes Lied strotzt dank der perfekten Kombination von Musik und Lyrik nur so von Dramatik. Walkers hohe Stimmlage, die fast schon an Power Metal erinnert, und die zerschmetternden screaming vocals von Mirabdolbaghi und ihm setzen dem Ganzen noch einmal die Krone auf.
Ich komme nun zu den einzelnen Kapiteln des Albums. Zum Inhalt möchte ich nicht zu viel sagen, davon sollte sich jeder selbst ein Bild machen.
Das erste Kapitel umfasst die Songs “No Stars Over Bethlehem”, “Heretics and Killers” und “Divinity Within” und erzählt die Geschichte des Gefängnispriesters. In diesem Kapitel nehmen die Texte eindeutig Bezug auf das Christentum und behandeln die Gedanken und Gefühle des Priesters, die in bei der Sorge um Kezia im Gefängnis begleiten. Das Kapitel endet mit der Hinrichtung Kezias; die Spannung am Ende des Kapitels ist hier immens – ausgedrückt wird sie durch lange und schnelle Instrumentaleinlagen und Walkers zum Ende hin fast weinende Singstimme. Danach folgt ein Klaviersolo und das zweite Kapitel beginnt.
Heretics & Killers
Das zweite Kapitel besteht aus den Songs “Bury the Hatchet”, “Nautical” und “Blindfolds Aside”. Sie beschreiben die Geschichte aus der Sicht eines der Gefängsniswächter, die später Kezia erschiessen sollen. Meiner Meinung nach ist dies das beste Kapitel des Albums. Gleich am Anfang geht es mit “Bury the Hatchet” so richtig los. Man hat sofort das Bild eines stolzen Soldaten vor Augen, der sich nicht um Gefühle schert und nur seine Befehle ausführt. Im Laufe des Kapitels macht sich jedoch bemerkbar, wie der Soldat seine Haltung ändert und zum Schluss im Lied “Blindfolds Aside” – das meiner Meinung nach das gelungenste des ganzen Werkes ist – sogar richtig starke Emotionen zeigt und sein ganzes Leben verändern zu wollen scheint. Auch hier spitzt sich die Spannung am Ende sehr zu, allerdings auf eine andere Art als bei dem ersten Kapitel. Der emotionale Höhepunkt wird wieder in die letzten Verse gepackt. Statt dem Klaviersolo aus dem ersten Kapitel endet dieses auf ein Duett einer männlichen und einer weiblichen Stimme (Kezias Stimme), in der zwei Verse aus dem Lied einige Male wiederholt werden.
Blindfolds Aside
Das letzte Kapitel handelt von Kezia selbst und besteht aus den Songs “She Who Mars The Skin Of Gods”, “Turn Soonest To The Sea” und dem Finale “The Divine Suicide of K.”. Ich möchte an dieser Stelle nicht zu viel sagen, denn besonders hier lässt sich sehr viel interpretieren. Das letzte Lied, “The Divine Suicide of K.”, ist das meiner Meinung nach abwechslungsreichste Lied des Albums. Es hat unglaublich viele Höhen und Tiefen. Außerdem singt hier Kezia selbst mit (Jadea Kelly).
The Divine Suicide of K.
Der letzte Song, “A Plateful of our Dead”, zieht noch einmal Bilanz aus den vorhergegangenen Songs. Hier werden einige politische und gesellschaftliche Probleme kritisiert. Besonders der moralische Aspekt, der sich durch das gesamte Album zieht, wird hier noch einmal verdeutlicht.
“I’d rather kill a stupid flower and spread its seeds around
Until a garden with our bullet-laden morals will be found”
Until a garden with our bullet-laden morals will be found”
die letzten beiden Verse des Albums
Alles in einem: Dieses Album zählt zu den besten Alben die ich bisher gehört habe. Es ist mit Worten kaum zu beschreiben – man muss es einfach einmal gehört haben. Besonders wenn man etwas über die Hintergründe weiß (die ich hoffentlich nun etwas näher gebracht habe) ist dieses Album unglaublich tiefgehend und berührend. Also: Kaufen, anmachen, Augen schließen und die Geschichte verfolgen. Es ist spannender, aufwühlender und einprägsamer als jeder noch so gute Film den ich bisher gesehen habe.
Tags: Fortress, Hardcore, Hero, Kezia, Konzeptalbum, Mathcore, Musik, Protest, Punk